Anders im Mittelalter, als man den Flaschenkürbis geradezu als Wunder der Schöpfung verehrte. Im 9. Jahrhundert schrieb Walahfrid Strabo, Abt des Klosters Reichenau, in seinem Gartenlehrgedicht Hortulus: „[Er] wächst aus unscheinbarem Samenkorn hochstrebend empor, wirft mit schildförmigen Blättern riesige Schatten und entsendet Ranken aus zahlreichen Zweigen.“ Wie der Wein oder der Efeu sich um den Baum winde, dichtete Walahfrid weiter, so klettere der Flaschenkürbis kraftvoll das Holzgestell hinauf und treibe mit jedem Knoten eine Ranke, um sich gleich einem festen Faden spulenförmig um die Strebe zu wickeln. Die Früchte pries Walahfrid als ebenmäßig wie gedrechselt, die, hängend an „zierlichem, länglichem Stiel“, zwar einen dünnen Hals, darunter aber einen gewaltigen bauchigen Körper aufweisen. Getrocknet, verholzt und sorgfältig ausgeschabt dienen die flaschenförmigen Schalen als Gefäße für den Wein; junge, saftige Früchte hingegen ergeben, in Fett in der Pfanne gebacken, einen „köstlich mundenden Nachtisch“.

Tacuin Courge Aus
Ernte frischer grüner Flaschenkürbisse (Cucurbite), in der Signaturenlehre der Heilpflanzen als „kühl und feucht zweiten Grades“ eingestuft, Lombardei (Italien), um 1390, Illustration aus: Tacuinum Sanitatis, Österreichische Nationalbibliothek, Wien f. 22v (http://data.onb.ac.at/rec/AL00465227)

Unzweifelhaft ist der Flaschenkürbis der Prototyp aller flaschenförmigen Gefäße, die weltweit seit undenklichen Zeiten als Wasser- und Flüssigkeitsbehälter Verwendung fanden. Diese Eigenschaft hat dem Kürbis zu seinem modernen lateinischen Namen Lagenaria siceraria (von lat. lagena, die Flasche) verholfen, genauso wie sich in der Bezeichnung Kalebasse (von span. calabaza), im Persischen ursprünglich charbuz, schließlich das Wort für Kürbis (althochdt. churbiz) wiederfindet. Die Hohlkörper besaßen allerdings je nach Form ganz unterschiedliche Funktionen, wie die einzelnen Namensgebungen bezeugen: der Heber- oder Weinheberkürbis ist ein Langhalskürbis, der traditionell als Schöpfkelle zum Einsatz kam, aus dem Pulverhorn (engl. powder horn) entstand dagegen ein dekorativer Schießpulverbehälter. Der Kanonenkugelkürbis ließ sich in ebenmäßige Halbschalen teilen; Herkuleskeule und Schlangenkürbis lieferten in erster Linie zucchiniartige Küchengemüse, bei entsprechender Reife aber auch lange schlauch- oder sackförmige Schalen.

 

Eine weitere Nutzung ergab sich aus der Eigenschaft als hohler Klangkörper: Ob als ganze Frucht mit den eingeschlossenen Kernen als Rassel, als Flöte oder als mit Saiten bespannte Halbschale, weitläufig bekannt als indische Sitar, griechisch-türkische Baglama oder persische Tanbur, dürften Flaschenkürbisse zu den ältesten Musikinstrumenten der Welt zählen. In Neuguinea gehört der Flaschenkürbis hingegen traditionell zur Bekleidung der Männer ‒ nicht selten die einzige, in Form von Penistaschen. Kurzum, der Fantasie sind beim Gebrauch der Kalebassen offenbar keine Grenzen gesetzt, und nahezu jede Kultur hat ihre ganz eigene Tradition bewahrt.

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Trankspende an einen durstigen, kranken Pilger mit Kürbisflasche, Detail aus: Die sieben Werke der Barmherzigkeit, Meister von Alkmaar (Niederlande), Tafelbild, 1504 (https://www.rijksmuseum.nl/en/search/objects?set=SK-A-2815#/SK-A-2815-5,5)

Hierzulande wohl am bekanntesten ist die Flasche des Pilgerflaschenkürbis mit dem eingeschnürten Hals, die wegen ihrer Ebenmäßigkeit auch Walahfrid vor Augen gehabt haben dürfte. Auch Gurde (von franz. gourde) genannt, wurde sie neben Muschel und Wanderstab zur Insignie des Heiligen Jakobus. In solchen Flaschen führten christliche Pilger geweihtes Wasser oder Wein mit sich. Zu deren Herstellung bedurfte es möglichst reifer Früchte, die noch vor dem ersten Frost in einen trockenen, luftigen Raum zur Lagerung eingebracht worden waren. Zur Aushöhlung gab das Wittenbergische Wochenblatt 1768 folgende Anleitung: „Man schneidet oben an dem Stiele ein Loch in den Kürbs, stößt alsdenn mit einem Holze die Kerne, und was darinnen befindlich ist, etwas los. Dieweil aber dadurch nicht alles Fleisch herausgebracht werden kann, so nimmt man, um ihn völlig rein zu machen, etwas groß gehacktes Bley, schüttelt dasselbe wacker in demselben herum; eben so, wie man eine andere Flasche mit Sand und Wasser zu reinigen pflegt. ... Ist der Kürbis nun rein, so übergiebt man ihn dem Böttcher zum Auspichen. ...[W]ill man aber, daß das hineingegossene Getränke einen angenehmen Geschmack erhalte, so läßt man von Nelken, Zimmet oder Muscatenblumen etwas unter das Pech mengen...